Schon von Beginn seiner Präsidentschaft an beschäftigte Trump sich außergewöhnlich intensiv mit dem US Postal Service, also der staatlichen Postbehörde. Diese ist formal der Exekutive des politischen Systems der USA zugewiesen, arbeitet aber unabhängig im Sinne eines staatlichen Konzerns. Ebenso wie die staatliche Post in vielen anderen Ländern litt auch der USPS schon seit Jahren unter der immer geringer werdenden Nutzung von Postdienstleistungen durch das Internet bei der Briefpost, profitierte aber auf der anderen Seite vom wachsenden Paketaufkommen dank des Onlinehandels.

Wiederholt hatte Trump öffentlich behauptet, die Post verlange viel zu geringe Gebühren von Amazon und sogar gesagt, Amazon würde die Post betrügen. Medienberichten zufolge hatte Trump schon im Jahr 2018 Druck auf Megan Brennan auszuüben, damals CEO der Post, damit sie die Gebühren für Amazon mindestens verdoppeln solle. Brennan wies ihn darauf hin, dass es langfristige Verträge mit Amazon gäbe, die man nicht einfach stornieren könne und dass die Post wegen des großen Paketaufkommens von Amazon trotz niedriger Gebühren von dem Deal profitieren würde. Hintergrund dieser Besessenheit mit den Paketpreisen ist vermutlich die Tatsache, dass Amazon-Gründer Jeff Bezos nicht nur als Kritiker Trumps auftrat, sondern auch noch der Inhaber der Washington Post ist, dem wohl Trump-kritischsten amerikanischen Medium.

Dann kam das Jahr 2020 und die Corona-Pandemie, die in den USA sofort zum Politikum wurde. Die Demokraten forderten, bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen für alle Wähler die Briefwahl zu ermöglichen, damit niemand zu Zeiten der Pandemie in langen Schlangen am Wahllokal stehen muss. Trump allerdings wendet sich vehement gegen die Möglichkeit der Wahl per Brief und verbreitete zur Unterstützung dieser Einstellung immer wieder Verschwörungstheorien, denen zufolge es bei der Briefwahl immer wieder zu breit angelegtem Wahlbetrug kommen würde. Tatsächlich hat es in der Vergangenheit gelegentlich Unregelmäßigkeiten rund um die Briefwahl gegeben, doch gerade die Tatsache, dass diese entdeckt worden sind, deutet bereits darauf hin, dass es ausreichende Kontrollmechanismen gibt, um einen Betrug zu verhindern. Zudem betrafen solche Unregelmäßigkeiten immer nur einen winzigen Bruchteil aller Stimmen. Ein Wahlbetrug, der „die Wahl stehlen“ könnte, wie Trump immer wieder behauptete, müsste dagegen viele Millionen Stimmen umfassen.

Der Hintergrund von Trumps Misstrauen ist seine Überzeugung, dass von der Briefwahl vor allem die Demokraten profitieren würden. Tatsächlich gibt es aber auch dafür keine belastbaren Belege. In Bundesstaaten, in denen es schon länger universelle Möglichkeiten für die Briefwahl gibt, haben oft auch Republikaner die Abstimmung für sich entscheiden können. Trump selbst übrigens wählt grundsätzlich per Briefwahl.

Schließlich beschließt Trump, selbst einzugreifen. Nach dem Ende der Amtszeit von Megan Brennan installierte er Louis DeJoy als Nachfolger an der Spitze der Post. DeJoy hatte sich einen Namen als fleißiger Spendensammler für die Republikanische Partei gemacht und gilt als bedingungslos loyal zu Trump. Die Ernennung war auch kontrovers, weil er einen millionenschweren Anteil an einer Firma hält, die als Zulieferer für die Post arbeitet. Kaum im Amt, begann DeJoy damit, umfangreiche Kürzungen vorzunehmen. Während Trump ab Juli beinahe täglich neue Tiraden gegen die Briefwahl ausstieß und mit Gerichtsverfahren gegen demokratische Gouverneure drohte, die in ihren Bundesstaaten die Briefwahl erleichterten, machte sich die Arbeit DeJoys schnell bemerkbar. In vielen Regionen war die Post plötzlich deutlich länger unterwegs als gewohnt. Besonders in ländlichen Gebieten wurde das für viele Menschen zum Problem, zum Beispiel weil Medikamente verspätet ausgeliefert wurden. Weiterhin wurden Fälle bekannt, in denen Lebensmittellieferungen so lange bei der Post liegenblieben, bis sie anfingen zu faulen, was eine Rattenplage in einigen Verteilzentren auslöste.  

Zugleich wurde bekannt, dass auf DeJoys Anweisung hunderte von Sortiermaschinen abgebaut worden waren, angeblich um Kosten zu sparen. Auffällig war allerdings, dass diese Maßnahmen fast ausschließlich in solchen Bundesstaaten umgesetzt wurden, die vorrangig demokratisch wählen und in solchen, in denen der Wahlausgang von wenigen Stimmen abhängen könnte. Zugleich machen Bilder aus zahlreichen Städten die Runde, auf denen zu sehen ist, dass Briefkästen abgebaut werden. Nach öffentlichem Druck erklärt DeJoy, alle Sparmaßnahmen auf Eis zu legen, Berichte in den folgenden Tagen zeigen allerdings, dass das nicht stimmt. Als Trump dann noch vor laufenden Kameras zugibt, gegen eine Finanzspritze für die Post zu sein, weil die Post mit diesem Geld die Zustellung der Wahlzettel ermöglichen könnte, wird wieder einmal ganz klar, dass Trump notfalls auch zu klar illegalen Methoden greift, um demokratische Prozesse zu verhindern – und dass die Republikaner darin keinen Grund für einen Protest sehen.